Das Klassikforum
Registrierung Kalender Mitgliederliste Teammitglieder Suche Häufig gestellte Fragen Zur Startseite

Das Klassikforum » Persönlichkeiten, Orchester & Ensembles » Instrumentalisten » Lang Lang, alles nur Show? » Hallo Gast [Anmelden|Registrieren]
Letzter Beitrag | Erster ungelesener Beitrag Druckvorschau | An Freund senden | Thema zu Favoriten hinzufügen
Seiten (7): « erste ... « vorherige 5 6 [7] Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Zum Ende der Seite springen Lang Lang, alles nur Show?
Autor
Beitrag « Vorheriges Thema | Nächstes Thema »
Heike Heike ist weiblich


Dabei seit: 18.05.2008
Beiträge: 1.952
Herkunft: Berlin

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Hallo,
Zitat:
Ob sein Rhythmusempfinden "grauslig verschobene" zu bezeichnen ist, hängt einzig davon ab, was Du als sozusagen "richtigen Maßstab" ansetzt. Ich kann das durchaus verstehen, wenn Du sagtest, dass Dir persönlich sein Empfinden völlig fremd ist; nicht aber, wenn Du damit behaupten wolltest, dass er über keines verfüge.

Ich habe mal eine Appassionata mit ihm im Radio gehört, ich konnte es quasi nicht ertragen! Bei dieser Sonate ist es mir jedenfalls extrem in Erinnerung geblieben, weil ich sie sehr gut kenne. Und deshalb glaube ich nicht, dass es sich da nur um reine Empfindensfragen handelt, meiner Meinung nach fehlt ihm da ein Stück bzw. da ist er nicht bei dem, was das Werk erfordern würde - bei aller Interpretationsfreiheit.
Heike

__________________
Ich bin nicht sicher, ob es Fortschritt in der Kunst geben kann - Arvo Pärt
24.04.2010 22:08 Heike ist offline E-Mail an Heike senden Beiträge von Heike suchen Nehmen Sie Heike in Ihre Freundesliste auf
Cetay Cetay ist männlich


images/avatars/avatar-420.jpg

Dabei seit: 09.11.2007
Beiträge: 2.029
Herkunft: Schwäbische Alb

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von ab
Wer sich also daran stört, dass das alles so anders klingt als es sein soll, der bringt häufig nicht mehr den Willen auf, von diesem Unwohlsein abzusehen, um sich auf das einzulassen, was tatsächlich erklingt.

Das ist auch genau der Grund, warum ich meinte, man solle von seinen Hörerwartungen absehen: Gerade – wie Du ganz richtig schreibst – weil es oft genau dann spannend wird, wenn sie nicht erfüllt werden. Es genügt aber offensichtlich nicht, dies nur wahrzunehmen, wie Du schreibst, sondern wesentlich ist dann viel mehr ein Wille, sich daraufhin auch noch auf das Erklingende einzulassen, und zwar nicht mit vorweg eingenommener negativer Haltung. Solch eine positive oder zumindest neutrale Haltung aber wird man nur einnehmen wollen, wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass es sich auch lohnt.


Wenn man sich aber von vorne herein nicht einlassen will, dann kann man auch nie erfahren, dass es sich lohnt, weswegen man auch keinen Grund hat sich einzulassen. Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass sich jemand nicht mehr umerziehen lassen möchte und seine eigenen Maßstäbe verabsolutiert; das ist auch eine Art, wie man Kunst erleben kann. Aber:

Zitat:
Mir ist es aber nicht gleichgültig, wenn man deshalb, weil man ein anderes Empfinden hat als Lang Lang, ihn diffamiert. Dagegen ist es einfach geboten, sein Wort zu erheben


Ich würde nicht mal so weit gehen, das Wort dagegen zu erheben, auch wenn ich die Diffarmierung von Künstlern (und Nicht-Künstlern - wie ich schnell hinzufüge, um die vorhersehbare platte Reaktion, Lang Lang sei kein Künstler, zu vermeiden) immer schmerzlich finde. Mir würde es fürs erste schon mal reichen, einfach nur zu verstehen, was jemanden überhaupt dazu veranlasst. Wenn man findet, dass Lang Lang seinen Mäßstäben nicht genügt, warum hört/schaut man sich jede Radio-/Fernsehsendung, jedes Video an, liest jeden Artikel...
Ich würde das wirklich gerne verstehen und vielleicht mag mir ja jemand dabei helfen. Winken

__________________
Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch. (Ikkyu Sojun)

Dieser Beitrag wurde 4 mal editiert, zum letzten Mal von Cetay: 25.04.2010 10:44.

25.04.2010 10:40 Cetay ist offline E-Mail an Cetay senden Beiträge von Cetay suchen Nehmen Sie Cetay in Ihre Freundesliste auf
ab ab ist männlich


images/avatars/avatar-329.jpg

Dabei seit: 10.09.2006
Beiträge: 6.071
Herkunft: Österreich

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von Cetay
Zitat:
Mir ist es aber nicht gleichgültig, wenn man deshalb, weil man ein anderes Empfinden hat als Lang Lang, ihn diffamiert. Dagegen ist es einfach geboten, sein Wort zu erheben


Ich würde nicht mal so weit gehen, das Wort dagegen zu erheben, auch wenn ich die Diffarmierung von Künstlern (und Nicht-Künstlern - wie ich schnell hinzufüge, um die vorhersehbare platte Reaktion, Lang Lang sei kein Künstler, zu vermeiden) immer schmerzlich finde. Mir würde es fürs erste schon mal reichen, einfach nur zu verstehen, was jemanden überhaupt dazu veranlasst. Wenn man findet, dass Lang Lang seinen Mäßstäben nicht genügt, warum hört/schaut man sich jede Radio-/Fernsehsendung, jedes Video an, liest jeden Artikel...
Ich würde das wirklich gerne verstehen und vielleicht mag mir ja jemand dabei helfen. Winken


Bereits zum Neujahrstag 2008 vermutete Pollux dazu oben:

Zitat:
Ich sehe schon, die Gratis-Lieblingsbeschäftigung der Klassikexperten auch in 2008: Lang Lang Bashing. Da kann fröhlich jeder mitmachen, da klopfen sich alle zustimmend auf die Schulter, das ist wie Gesinnungskabarett. Sag mir, wie du zu Lang Lang stehst und ich sage dir, wer du bist.

Winken

__________________
Gruß, ab

Wissen ist Beschreiben können.
(Rudolf Arnheim)

Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert, zum letzten Mal von ab: 25.04.2010 11:06.

25.04.2010 11:04 ab ist offline E-Mail an ab senden Beiträge von ab suchen Nehmen Sie ab in Ihre Freundesliste auf
ab ab ist männlich


images/avatars/avatar-329.jpg

Dabei seit: 10.09.2006
Beiträge: 6.071
Herkunft: Österreich

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von Heike
Ich habe mal eine Appassionata mit ihm im Radio gehört, ich konnte es quasi nicht ertragen! Bei dieser Sonate ist es mir jedenfalls extrem in Erinnerung geblieben, weil ich sie sehr gut kenne. Und deshalb glaube ich nicht, dass es sich da nur um reine Empfindensfragen handelt, meiner Meinung nach fehlt ihm da ein Stück bzw. da ist er nicht bei dem, was das Werk erfordern würde - bei aller Interpretationsfreiheit.
Heike


Womöglich ist es aber dafür ein ganz neues "'Stück", das uns da Lang Lang bietet, etwas, das noch nie jemand zuvor so zu Gehör gebracht hat. Kunst ermöglicht uns es, uns auch auf ganz Ungewohntes einzulassen...
(Abgesehen davon kann auch das Durchstehen von normal für uns Unerträglichem eine Form von Katharsis bewirken smiley4 )
Winken

__________________
Gruß, ab

Wissen ist Beschreiben können.
(Rudolf Arnheim)

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von ab: 25.04.2010 11:15.

25.04.2010 11:11 ab ist offline E-Mail an ab senden Beiträge von ab suchen Nehmen Sie ab in Ihre Freundesliste auf
Heike Heike ist weiblich


Dabei seit: 18.05.2008
Beiträge: 1.952
Herkunft: Berlin

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Hallo,
Zitat:
Wenn man findet, dass Lang Lang seinen Mäßstäben nicht genügt, warum hört/schaut man sich jede Radio-/Fernsehsendung, jedes Video an, liest jeden Artikel...

Nunja, man kann ihm ja nicht entgehen.
Wenn man das Radio einschaltet, ist er präsent; er taucht in meinen Aboreihen auf; er ist beim Berliner Silvesterkonzert (wo ich schon aus Gewohnheit jedes Jahr einschalte) der Solist. Es ist unmöglich, ihn nicht wahrzunehmen. Selbstverständlich würde ich mir keine CD kaufen von ihm, da er mir nicht gefällt. Aber genauso selbstverständlich lese ich es, wenn über ihn in der Zeitung geschrieben wird - genauso wie ich über Bischof Mixa lese, den ich ja auch unzweifelhaft nicht mag. Und wenn ich den Radio-Sender bei jedem Interpreten, der mir nicht gefällt, umschalten würde,d ann hätte ich aber viel zu tun ;-)
Heike

__________________
Ich bin nicht sicher, ob es Fortschritt in der Kunst geben kann - Arvo Pärt
25.04.2010 11:12 Heike ist offline E-Mail an Heike senden Beiträge von Heike suchen Nehmen Sie Heike in Ihre Freundesliste auf
Heike Heike ist weiblich


Dabei seit: 18.05.2008
Beiträge: 1.952
Herkunft: Berlin

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Hallo ab,
Zitat:
Womöglich ist es aber dafür ein ganz neues "'Stück", das uns da Lang Lang bietet, etwas, das noch nie jemand zuvor so zu Gehör gebracht hat. Kunst ermöglicht uns es, uns auch auf ganz Ungewohntes einzulassen...

Aber um zum Rhythmus zurückzukommen: der spielt Punktierungen, wo keine sind, der spielt Synkopen, wo keine sind - und umgekehrt. Das ist dann wirklich ein neues Stück - und von mir aus, er findet ja sein Publikum. Falls er das bewusst macht (worüber ich mir nicht mal sicher bin) dann er will einfach Show, was er von mir aus machen soll, aber Kunst ist das dann nicht, sondern eben Show.
Heike

__________________
Ich bin nicht sicher, ob es Fortschritt in der Kunst geben kann - Arvo Pärt
25.04.2010 11:21 Heike ist offline E-Mail an Heike senden Beiträge von Heike suchen Nehmen Sie Heike in Ihre Freundesliste auf
ab ab ist männlich


images/avatars/avatar-329.jpg

Dabei seit: 10.09.2006
Beiträge: 6.071
Herkunft: Österreich

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von Cetay
Wenn man sich aber von vorne herein nicht einlassen will, dann kann man auch nie erfahren, dass es sich lohnt, weswegen man auch keinen Grund hat sich einzulassen. Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass sich jemand nicht mehr umerziehen lassen möchte und seine eigenen Maßstäbe verabsolutiert; das ist auch eine Art, wie man Kunst erleben kann.


So ist es!

Nichtestotrotz: Viele wissen gar nicht, dass es noch anders gibt als den persönlichen Geschmack. Wenn man aber "seine eigenen Maßstäbe verabsolutiert", dann sollte man wenigstens die anderen Möglichkeiten kennen, um sich bewusst dazu zu entscheiden. Oder?
(Das hängt natürlich davon ab, was für eine Menschenbild man pflegt...)
Winken

__________________
Gruß, ab

Wissen ist Beschreiben können.
(Rudolf Arnheim)

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von ab: 25.04.2010 11:24.

25.04.2010 11:24 ab ist offline E-Mail an ab senden Beiträge von ab suchen Nehmen Sie ab in Ihre Freundesliste auf
ab ab ist männlich


images/avatars/avatar-329.jpg

Dabei seit: 10.09.2006
Beiträge: 6.071
Herkunft: Österreich

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von Heike
Hallo ab,
Zitat:
Womöglich ist es aber dafür ein ganz neues "'Stück", das uns da Lang Lang bietet, etwas, das noch nie jemand zuvor so zu Gehör gebracht hat. Kunst ermöglicht uns es, uns auch auf ganz Ungewohntes einzulassen...

Aber um zum Rhythmus zurückzukommen: der spielt Punktierungen, wo keine sind, der spielt Synkopen, wo keine sind - und umgekehrt. Das ist dann wirklich ein neues Stück - und von mir aus, er findet ja sein Publikum. Falls er das bewusst macht (worüber ich mir nicht mal sicher bin) dann er will einfach Show, was er von mir aus machen soll, aber Kunst ist das dann nicht, sondern eben Show.
Heike


Interpretationsfreiheit (-dreistigkeit) ist eine Sache; Show eine andere. Ich weiß nicht so recht, ob man das eine gegen das andere ausspielen sollte. Hör Dir doch einmal die Interpretationen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrunderts an: da spielte man teils auch extrem "frei".
Winken

__________________
Gruß, ab

Wissen ist Beschreiben können.
(Rudolf Arnheim)
25.04.2010 11:28 ab ist offline E-Mail an ab senden Beiträge von ab suchen Nehmen Sie ab in Ihre Freundesliste auf
Heike Heike ist weiblich


Dabei seit: 18.05.2008
Beiträge: 1.952
Herkunft: Berlin

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Mit "Lang Lang Bashing" möchte ich übrigens gar nicht in Zusammenhang gebracht werden - ich erkenne durchaus an, dass er einige Dinge vorzüglich beherrscht. Und ich habe ihn auch oft genug gehört, um mir eine recht differenzierte Meinung zu bilden. Und im Gegenteil, ich meide ihn nicht, sondern gebe ihm durchaus immer mal wieder ein Chance, indem ich zuhöre (und meist leider zu keinem neuen Ergebnis komme als bisher).

Aber ich wundere mich dann doch, dass seine Befürworter ihn so rundum verteidigen, also nicht seine Schwächen benennen können oder wollen. Sondern eher unterstellen, dass der Rest der Hörer voreingenommen ist oder ihn gar ihn niedermachen will. Ich sag doch auch, dass seine Transparenz toll ist, dass sein Feintuning schön flach ist. Andererseits sind seine Interpretationen, seine Linienführung, sein Rhythmusverständnis doch wirklich mitunter fernab von großer Kunst, mitunter einfach nur schräg. Könnt ihr das nicht hören oder nicht zugeben? Dann wären wir doch mal bei einer differenzierten Bewertung, wenn nicht einer dem anderen immer das Gegenteil beweisen will.

Mir ist völlig klar, dass manche mehr Wert auf Klang legen als andere und diese wieder die andere Dinge wichtiger finden. Daher ist mir schon von der Idee her klar, warum einige ihn mögen und andere nicht. Aber deshalb darf man doch wohl auch seine Schwächen benennen, ohne gleich mit verabsolutierten Maßstäben erschlagen zu werden?
Heike

__________________
Ich bin nicht sicher, ob es Fortschritt in der Kunst geben kann - Arvo Pärt
25.04.2010 12:09 Heike ist offline E-Mail an Heike senden Beiträge von Heike suchen Nehmen Sie Heike in Ihre Freundesliste auf
Gamaheh Gamaheh ist weiblich


Dabei seit: 31.05.2006
Beiträge: 1.343

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Lieber ab,

herzlichen Dank für Deine Erläuterungen! Ich muß zugeben, daß mir das sinnliche Erleben der Musik zweitrangig ist (aber natürlich nicht unwichtig), während es für Dich offenbar auch absolut sein kann.

Ich erwarte – zumindest in der Musik, die auf klassischen Strukturen aufbaut – auch einen Sinn zu finden, der sich in der Darstellung eben dieser Strukturen und einer Gesamtarchitektur offenbart. Ich meine damit nicht nur Großstrukturen im klassischen Sinne, sondern auch Kleinstrukturen wie Harmonien, Dynamik usw. Ein berühmter Sprachwissenschaftler nannte die Sprache „ein System, in dem sich alles gegenseitig stützt“ („un système où tout se tient“), d.h. in dem einzelne Elemente (nur) im Zusammenhang ihren Sinn erhalten. So sehe ich das für die Musik auch, und idealerweise erwarte ich von einer Interpretation, daß sie das darzustellen sucht. (Dies mag bei der rein atonalen Musik anders sein, aber ich muß zugeben, daß sie mir auch nichts sagt, soweit ich sie kenne.) Und die Sinngebung mittels der Darstellung solcher Strukturen kennzeichnet für mich eine gute Interpretation an erster Stelle. Von einem Interpreten, der ernstgenommen werden möchte, erwarte ich, daß er sich ernsthaft mit einer Komposition auseinandersetzt, und daß er, wenn er sie nicht ernstnehmen kann, davon absieht, sie zu spielen.

Natürlich gehören auch noch andere Dinge dazu, aber ohne diese Gestaltung kann ich – sage ich mal vorsichtig – eine Interpretation nicht wirlich schätzen. Reine Klanglichkeit finde ich auch außerhalb der Musik, z.B. empfinde ich den Gesang einer Lerche als angenehmer als den Ton einer Krähe, das Säuseln des Windes in den Blättern eines Baumes als schöner als den Klang einer Autohupe ...

Den Begriff der Kunst, der hier immer wieder auftaucht, empfinde ich als wenig hilfreich. Ich erinnere mich an eine Diskussion, in der es um das Schöne ging, in der aber immer wieder gewisse Teilnehmer anfingen, über Kunst zu reden, die Begriffe gleichsetzend. Dies halte ich für problematisch, denn was „Kunst“ sei, wird uns ja im wesentlichen von den Experten der Meinungsmache auferlegt. Was schön ist, ist dagegen eine Entscheidung, die auf der subjektiven Wahrnehmung beruht. (Und hier meine ich „schön“ nicht im umgangssprachlichen Sinn, sondern – in der klassischen Definition – als die sinnlich wahrnehmbare Erscheinung des Wahren. Daß man hierüber kaum diskutieren kann (schon gar nicht in diesem Forum) ist klar und bekannt.

In diesem Sinne: LLs „Kunst“ hat für mich nichts Schönes und nichts Wahres; aber diese Aussage hat für mich nichts Diffamatorisches, sondern stellt meine Meinung dar. Wer sich exponiert, muß mit Kritik rechnen, und wer sich derartig exponiert (was er ja nicht aus Versehen tut), muß mit viel Kritik rechnen (ist was anderes als Diffamierung). Im Gegenteil empfinde ich seine Darbietungen als Diffamierung der Werke, die er spielt, und deren Komponisten. Er ist für mich kein ernstzunehmender Musiker (und wohlgemerkt: Ich sage weder „Pianist“ noch „Künstler“), sondern ein Markenname (hat er ihn nicht sogar schützen lassen?), der von den Medien und von der Werbung aufgewertet worden ist wie jede andere Marke. Die Menschen schmücken sich mit dem Besuch seiner Konzerte wie mit einer Rolex oder mit einem Anzug von Hugo Boss. Wogegen ich mich wehre, ist dieses unendliche Werbe-Gehype (das natürlich nicht nur LL betrifft, hier aber besonders ausgeprägt ist und auch besondere Ausmaße erreicht hat und besonders erfolgreich ist) – sonst würde ich über diesen Pianisten gar nicht reden.

Zitat:
Original von ab
dass ich leicht von der Interpretation absehen kann, so dass ich sie nicht einmal hintergründig störend empfinden muss.

Diese Aussage hatte ich (offenbar fälschlicherweise) so verstanden, daß Du Interpretation generell als störend empfindest.

Auch Du verstehst mich falsch, wenn Du meinst, daß ich ungewohnte Interpretationen ablehne – das Gegenteil ist der Fall (sonst würde ich ja niemals in Konzerte gehen, sondern immer wieder gemütlich zuhause dieselben Platten hören), und ich bin schon oft begeistert gewesen, einem vermeintlich bekannten Stück völlig neue Dimensionen abgewinnen zu können, oder ungeliebte Stücke plötzlich lieben zu lernen; aber, wie ich oben versucht habe auszuführen, kann ich nicht alles, was nur irgendwie anders ist, bedenkenlos begrüßen und muß mich auch nicht für alles begeistern, was mir die Meinungsmache nahelegt.

Das „bashing“ – bin ich mittlerweise der Meinung – entspringt einem gesunden Gerechtigkeitsgefühl, das sich dagegen wehrt, daß sich etwas oder jemand so ausbreitet, daß kaum noch für andere(s) Platz ist – wirklich kein Anlaß für ein Aufbegehren von „p.c.“-Fanatikern.

Beste Grüße,
Gamaheh

__________________
Es gibt keinen höheren Zweck der Kunst, als in dem Menschen diejenige Lust zu entzünden, welche sein ganzes Wesen von aller irdischen Qual [...] befreit und ihn [...] erhebt. [E.T.A. Hoffmann]
25.04.2010 14:17 Gamaheh ist offline E-Mail an Gamaheh senden Beiträge von Gamaheh suchen Nehmen Sie Gamaheh in Ihre Freundesliste auf
Gamaheh Gamaheh ist weiblich


Dabei seit: 31.05.2006
Beiträge: 1.343

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von ab
Ein junger Musiker halt, der offensichtlich Freude am Spielen hat - und das hört man auch. .

... der offensichtlich Freude hat, weil er sich selbst so ungeheuer geil findet.

Grüße,
Gamaheh

__________________
Es gibt keinen höheren Zweck der Kunst, als in dem Menschen diejenige Lust zu entzünden, welche sein ganzes Wesen von aller irdischen Qual [...] befreit und ihn [...] erhebt. [E.T.A. Hoffmann]
25.04.2010 14:18 Gamaheh ist offline E-Mail an Gamaheh senden Beiträge von Gamaheh suchen Nehmen Sie Gamaheh in Ihre Freundesliste auf
ab ab ist männlich


images/avatars/avatar-329.jpg

Dabei seit: 10.09.2006
Beiträge: 6.071
Herkunft: Österreich

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von Heike
Mit "Lang Lang Bashing" möchte ich übrigens gar nicht in Zusammenhang gebracht werden

Aber ich wundere mich dann doch, dass seine Befürworter ihn so rundum verteidigen, also nicht seine Schwächen benennen können oder wollen. Sondern eher unterstellen, dass der Rest der Hörer voreingenommen ist oder ihn gar ihn niedermachen will.


Bitte entschuldige vielmals, wenn es irrtümlich so geklungen hat, als würde ich Dir und Gamaheh hier Lang-Lang-Bashing vorgeworfen haben. Das war ausschließlich im ganz allgemeinen Zusammenhang von Cetays Frage gemeint gewesen und nicht im Zusammenhang mit den Ausführungen hier im Faden.

Aber jedefalls: auch die Schwächen Lang Langs gehören klar angesprochen!

Mir ging es bloß darum, dass eine Interpetaion, auch wenn sie Schwächen in einer Hinsicht auweisen kann, dafür Stärken in anderer Hinsicht haben kann. (Die Gewichtung ist dann immer eine persönliche Frage. Doch um gewichten zu können, muss man die Hinsichten kennen.)
Winken

__________________
Gruß, ab

Wissen ist Beschreiben können.
(Rudolf Arnheim)
26.04.2010 09:52 ab ist offline E-Mail an ab senden Beiträge von ab suchen Nehmen Sie ab in Ihre Freundesliste auf
ab ab ist männlich


images/avatars/avatar-329.jpg

Dabei seit: 10.09.2006
Beiträge: 6.071
Herkunft: Österreich

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von Gamaheh
Lieber ab,

herzlichen Dank für Deine Erläuterungen! Ich muß zugeben, daß mir das sinnliche Erleben der Musik zweitrangig ist (aber natürlich nicht unwichtig), während es für Dich offenbar auch absolut sein kann.


Liebe Gamahe,

ich stimme mit allem überein.

Ja, das sinnliche Erleben interessiert mich persönlich - vor allem theoretisch auch - ganz besonders. Das hat u.a. damit zu tun, dass ich ästhetische Erfahrung als Erlebnis der Kunst um ihrere selbst Willen verstehen, und weil ich Interpretationen als eigene Kunstformen (vom Kunstwerk unterschiedene) ansehen, muss ich mich an das halten, was erklingt, nicht aber daran, was erklingen sollte.

__________________
Gruß, ab

Wissen ist Beschreiben können.
(Rudolf Arnheim)
26.04.2010 09:56 ab ist offline E-Mail an ab senden Beiträge von ab suchen Nehmen Sie ab in Ihre Freundesliste auf
Heike Heike ist weiblich


Dabei seit: 18.05.2008
Beiträge: 1.952
Herkunft: Berlin

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Bitte entschuldige vielmals, wenn es irrtümlich so geklungen hat, als würde ich Dir und Gamaheh hier Lang-Lang-Bashing vorgeworfen haben. Das war ausschließlich im ganz allgemeinen Zusammenhang von Cetays Frage gemeint gewesen und nicht im Zusammenhang mit den Ausführungen hier im Faden.

Da bin ich ja beruhigt - wir können uns ja zukünftig ggf. wegen aller moglicher Dinge das Streiten kriegen (oder hoffentlich auch nicht), wegen Lang Lang sollten wir uns aber nun wirklich nicht zanken beer
Heike

__________________
Ich bin nicht sicher, ob es Fortschritt in der Kunst geben kann - Arvo Pärt
26.04.2010 17:49 Heike ist offline E-Mail an Heike senden Beiträge von Heike suchen Nehmen Sie Heike in Ihre Freundesliste auf
ab ab ist männlich


images/avatars/avatar-329.jpg

Dabei seit: 10.09.2006
Beiträge: 6.071
Herkunft: Österreich

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von Heike
wegen Lang Lang sollten wir uns aber nun wirklich nicht zanken beer
Heike


beer

__________________
Gruß, ab

Wissen ist Beschreiben können.
(Rudolf Arnheim)
26.04.2010 18:10 ab ist offline E-Mail an ab senden Beiträge von ab suchen Nehmen Sie ab in Ihre Freundesliste auf
Gamaheh Gamaheh ist weiblich


Dabei seit: 31.05.2006
Beiträge: 1.343

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von ab
Zitat:
Original von Heike
wegen Lang Lang sollten wir uns aber nun wirklich nicht zanken beer
Heike


beer


Na gut: beer - aber schade: LL ist ein so dankbares Thema, und streiten tut gut und macht Spaß. Wie sagte doch Heraklit (genannt "der Dunkle"): "Krieg ist der Vater aller Dinge und aller Dinge König."

Für die Lang Lang-Fans unter Euch habe ich hier aber nochmal wieder einen besonderen Leckerbissen; und hier würde mich wirklich ganz ungemein interessieren, was ab von Linienführung, Dynamik und Sonorität hält.

Der Meister ist offenbar auch bei Apple unter Vertrag (was für eine Werbung bei mehr als einer halben Million Aufrufe innerhalb einer Woche!).

Eschenbach scheint gute Miene zum bösen Spiel zu machen - wahrscheinlich kriegt er was ab ...

Grüße,
Gamaheh

P.S.: Hier der Link.

P.P.S.: Frage an den Admin: Warum können wir eigentlich keine Videos einbetten - das wäre doch 100%ig legal und ganz lustig (und nimmt auch nicht mehr Platz weg als ein Cover-Bild).

__________________
Es gibt keinen höheren Zweck der Kunst, als in dem Menschen diejenige Lust zu entzünden, welche sein ganzes Wesen von aller irdischen Qual [...] befreit und ihn [...] erhebt. [E.T.A. Hoffmann]
27.04.2010 22:45 Gamaheh ist offline E-Mail an Gamaheh senden Beiträge von Gamaheh suchen Nehmen Sie Gamaheh in Ihre Freundesliste auf
ab ab ist männlich


images/avatars/avatar-329.jpg

Dabei seit: 10.09.2006
Beiträge: 6.071
Herkunft: Österreich

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von Gamaheh
Für die Lang Lang-Fans unter Euch habe ich hier aber nochmal wieder einen besonderen Leckerbissen; und hier würde mich wirklich ganz ungemein interessieren, was ab von Linienführung, Dynamik und Sonorität hält.


großes Grinsen Da muss ich doch glatt an die Erzählungen denken über Gilels erste US-Torunee durch die Provinz, während der er so einigen Instrumenten mit seiner Prake den Garaus gemacht haben soll. Eine ebensolche Pranke wünscht man sich heute von Lang Lang.
smiley36

Außerdem - und das ist gar nicht lustig - muss ich daran denken, das Eschenbach die Fähigkeit zu Sprechen durch seine NS-Erlebnisse verloren hatte und erst durch seinen Umgang mit der Musik wiedergefunden hat; fast möchte man fürchten, hier könnte es in die andere Richtung losgehen, diesmal ausgelöst durch solche kapitalisten Werbestrategien.

Zur Frage aber: Linienführung, Dynamik und Sonorität ist eine ganz spannende Frage bei elektronisch erzeugten Klängen. Bislang habe ich den entsprechenden Bösendorferflügel noch nicht live hören können, mir scheint aber, die Ergebnisse fallen bislang alle sehr enttäuschend aus. Den Orchesterklang betreffend habe ich inzwischen mehrfach Files von der Vienna Symphonic Library gehört, die immerhin mit bislang unübertroffenen Aufwand von Wiener Philharmonikern aufgenommen wurden: schreckliches Ergebnis. (Aber womöglich geht das nur darauf zurück, dass das erforderliche Feintuning nicht vorgenommen wurde?) Von Bastlern elektronischer Musik im U-Bereich höre ich, dass bereits überraschend gute Sounds zu haben seien.

Die Wissenschaft ist seit langem schon dem auf der Spur, was man eine "musikalische Interpretation" nennt. Als Trost: Auch wenn es heute bereits Programme gibt, die das Spezifische von Pianisten herausfiltern und in Algorythmen umwandeln können, so liegt die Trefferquote, einen Pianisten auf Grund seiner typischen Interpretationsweise wiedererkennen zu können, zwar bei über 90 %. Das heißt aber nicht, dass dann, wenn man man den Computer mit einem Notentext und den entsprechenden Algorythmen "füttert", auch eine "musikalische Interpretation" herauskäme.
Winken

__________________
Gruß, ab

Wissen ist Beschreiben können.
(Rudolf Arnheim)
28.04.2010 09:18 ab ist offline E-Mail an ab senden Beiträge von ab suchen Nehmen Sie ab in Ihre Freundesliste auf
Heike Heike ist weiblich


Dabei seit: 18.05.2008
Beiträge: 1.952
Herkunft: Berlin

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Ich kann euch nur empfehlen, lest mal das Buch von Lang Lang. Es lohnt sich, auch wenn es miserabel geschrieben ist - die Einblicke in diese chinesische Meistermach- Szene sind interessant.

Ich abscheue solche Art Profilierungssucht und erst recht solche dreiste Werbung. Aber ich kann nachvollziehen warum jemand, der so groß wurde, sich so präsentiert.
Heike

__________________
Ich bin nicht sicher, ob es Fortschritt in der Kunst geben kann - Arvo Pärt
29.04.2010 08:08 Heike ist offline E-Mail an Heike senden Beiträge von Heike suchen Nehmen Sie Heike in Ihre Freundesliste auf
E. Morricone E. Morricone ist männlich


Dabei seit: 07.05.2010
Beiträge: 12

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Um noch mal auf Beethoven zurückzukommen:

Auf youtube ist die Masterclass mit Barenboim, wo Lang Lang die Appasionata spielt, sind allerdings 10 Teile.

Click

Irgendwie hat er in der Zwischenzeit nicht viel gelernt, was Beethoven angeht.
11.05.2010 15:22 E. Morricone ist offline Beiträge von E. Morricone suchen Nehmen Sie E. Morricone in Ihre Freundesliste auf
Seiten (7): « erste ... « vorherige 5 6 [7] Baumstruktur | Brettstruktur
Gehe zu:
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Das Klassikforum » Persönlichkeiten, Orchester & Ensembles » Instrumentalisten » Lang Lang, alles nur Show?

Counter
Besucher seit:
09.04.2006 09:00 Uhr


Forensoftware: Burning Board 2.3.5, entwickelt von WoltLab GmbH